Interview mit Frau Mantis, einer Gottesanbeterin.

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Anlässlich der Ernennung zum Insekt des Jahres durfte ich ein Interview mit der Gottesanbeterin, Frau Mantis Religiosa, in meinem Garten führen  .

 

Frau Mantis, Sie wurden zum Insekt des Jahres 2017 ernannt. Macht Sie das stolz?

Stolz ist der falsche Ausdruck. Es wurde schon Zeit, dass auf mich und meine Familie aufmerksam gemacht wird. Noch immer gibt es viel zu viele Erdenbewohner, die nicht wissen, dass wir in Österreich zu Hause sind. Einigen soll gar nicht bekannt sein, dass es Gottesanbeterinnen gibt. Am schlimmsten sind die, die uns mit Heupferden verwechseln! Frau Mantis blickt mich konsterniert an. 

 

Möchten Sie uns etwas über sich erzählen, damit wir Sie besser kennen lernen?

Na schau ma‘ mal, ob das hilft: Frau Mantis verdreht die Augen, bevor sie weiterspricht. Der Start ins Leben ist für eine Gottesanbeterin nicht sehr freundlich. Im Spätsommer / zu Herbstbeginn werden wir von unserer Mutter in einem schaumigen Eikokon abgelegt. Bis zu 200 Eier müssen sich das bisschen Platz über den Winter teilen. Frau Mantis schaut etwas angeekelt. Wenigstens wird uns so nicht kalt. Im Frühjahr schlüpfen wir endlich. Wir sind sofort auf uns alleine gestellt, unsere Eltern sterben im Herbst. Geschwisterliebe gibt es bei uns keine, sobald wir geschlüpft sind, verteilen wir uns. Damit stellen wir sicher, dass wir nicht von einem Bruder oder einer Schwester gefressen werden. Frau Mantis tut mir jetzt fast leid.

Fünf bis sieben Larvenstadien müssen wir hinter uns bringen. Das ist ganz schön anstrengend, immer wieder aus der eigenen Haut zu fahren! Ende Juli / Anfang August sind wir endlich ausgewachsen.

Jetzt beginnt die Suche nach dem richtigen Partner. Man will sich ja schließlich nicht mit jedem vervielfältigen. Allerdings müssen wir uns doch meistens mit dem zufrieden geben, was kommt. Aufgrund unseres Körpergewichts können wir nicht fliegen, sind also ziemlich ortsgebunden. Und Dating-Plattformen gibt es für uns nicht.  Haben wir den passenden „Gottesanbeter“ gefunden, kommen wir zu unserem eigentlichen Lebenszweck: der Paarung. Dafür lassen wir uns ordentlich Zeit. Das freudige Ereignis kann einige Stunden dauern. Frau Mantis schwebt kurz im siebenten Himmel.

Das war’s mit dem Vergnügen. Jetzt kann ich zusehen, wie mein Hinterleib immer dicker wird. Genervter Gesichtsausdruck unterstreicht ihre Worte. Glücklicherweise dauert, das nur wenige Tage. Dann lege ich die Eier in einer Oothek – ein schnell erhärtender Eikokon, aus dem ich selbst einmal geschlüpft bin – ab.

Damit habe ich meinen Lebenszweck erfüllt. Meine Tage sind gezählt. Noch im Herbst werde ich mein nicht sehr aufregendes Leben beenden.

 

Wovon hängt es ab, ob Sie ein grünes oder braunes Kleid tragen?

Als fleischfreschendes Insekt ist es wichtig, gut getarnt zu sein. Je nachdem, wo ich mich niedergelassen habe, wähle ich bei der Häutung des passende Kleid. Sitze ich auf einer trockenen Graslandschaft, wird es eher braun sein. In grünem Buschwerk bin ich mit meinem grünen Outfit besser getarnt.

 

Achtung: dieses Video ist nichts für zartbesaitete Personen!

 

Frau Mantis, Sie wurden letztens beim Verspeisen einer Biene beobachtet. Finden Sie das in Anbetracht des Bienensterbens okay?

Als Fleischfresserin geboren zu werden, habe ich mir nicht ausgesucht. Wenn in mich in meinen Jugendtagen von Blattläusen ernähre, wird das nicht besprochen. Frau Mantis macht einen leicht spinösen Mund, bevor sie fortfährt.

Nachdem es noch kein Futter-Lieferservice für Gottesanbeterinnen gibt, muss ich nehmen, was kommt. Und wenn es eine Biene ist, dann ist es halt eine Biene – das bringt Abwechslung auf den Speiseplan. Die Bienen, die ich im Laufe meines kurzen Lebens fresse, sind allerdings nicht Ursache für das Bienensterben. Jetzt ist der Gesichtsausdruck von Frau Mantis eher trotzig. 

Vielleicht könnten Sie und Ihre Spezies den Umgang mit der Natur etwas überdenken. Spritzmittel auf den Feldern und Monokulturen gefährden nicht nur die Bienen. Erst unlängst habe ich einen Artikel zum Insektensterben gelesen. Andererseits schafft uns die damit verbundene Erderwärmung wieder mehr Lebensräume. Wir lieben die Wärme. Frau Mantis hat Herzerln in den Augen.

 

Apropos Wärme. Wie sieht denn der ideale Lebensraum einer Gottesanbeterin aus?

Am wohlsten fühle ich mich auf warmen, trockenen Magerwiesen. Gras- und Buschlandschaften mag ich auch. Wichtig ist es vor allem, dass es warm ist. Ich steh auch auf dichte Pflanzen – da kann ich besonders gut meinen Opfern auflauern. Wenn man so unbeweglich ist, wie ich, dann muss man sich strategisch günstig platzieren.

 

Weibchen kann man am besten durch den dickeren Hinterleib vom Männchen unterscheiden. Sobald sie erwachsen sind, erkennt man die Weibchen an mehr Größe  . Fühlen sich Gottesanbeterinnen bedroht, zeigen sie den schwarzen Augenfleck auf den Fangarmen. Damit wollen sie evtl. Feinden größer erscheinen. Als Lauerjäger verharrt die Gottesanbeterin unbeweglich, bis ihre Delikatesse in Reichweite ist. Für Insekten, die in den weißen Dornen der Fangarme gelandet sind, gibt es kein entrinnen mehr.

 

Wo genau kommen Gottesanbeterinnen in Österreich vor?

Vom Neusiedlersee bis Wien bin ich schon seit Jahrhunderten beheimatet. Seit den 80er Jahren bin ich in die Steiermark und Kärnten bis in die südlichen Alpentäler eingewandert.

 

Können Sie uns verraten, wie Sie zu Ihrem Namen kommen?

Wenn ich meine Fangarme so abwinkle sieht das angeblich der Gebetshaltung der Menschen ähnlich. Frau Mantis winkelt die Fangarme und drückt sie gegeneinander. Daher hat man mich so benannt.

Mein lateinischer Name Mantis religiosa bedeutet religiöse Seherin. Schon die alten Ägypter und verschiedene orientalische Völker waren von meinen Urahnen beeindruckt. Japanische Schwertkämpfer werden mit einem Symbol von mir geschmückt. Sogar ein Kung-Fu-Stil wurde nach meiner Familie benannt. Und jetzt wurde ein Weltraumroboter nach meinem Vorbild gebaut! Und ganz ehrlich – so mancher Außerirdische in euren Filmen sieht mir schon sehr ähnlich. Frau Mantis setzt ihren selbstgefälligen Blick auf.

 

Es gibt das Gerücht, dass Sie nach der Paarung das Männchen fressen. Stimmt das?

Schrecklich, dass dieses Gerücht noch immer kursiert. Frau Mantis schüttelt genervt den Kopf. Entstanden ist dieses Märchen, weil einige meiner Vorgängerinnen bei Versuchsanordnungen ihre Paarungspartner gefressen haben. Das lag allerdings nicht daran, dass wir den Paarungsakt automatisch mit dem Auffressen der Männchen beenden. Die armen „Versuchskaninchen“ reagierten so auf die viel zu engen Gefängnisse, in denen sie gehalten wurden.

In der Natur fressen nur verzweifelte Artgenossinnen ihr auserwähltes Männchen nach der Paarung auf. Entweder sind sie hungrig oder leiden an Eiweißmangel.

Von diesen armen Einzelfällen auf alle Gottesanbeterinnen zu schließen, ist schon fast rufschädigend. Das wäre ja so, als würde ich sagen, alle Frauen sind herrschsüchtig, nur weil ein paar ihre Männer unterdrücken.

 

Gottesanbeterinnen sind bei ihrer Morgenwäsche sehr sorgfältig. Wenn sie sich so mit ihren Fangarmen um die Augen streichen, sind sie fast schon süß 

 

Was halten Sie davon, dass Sie in Österreich zu den streng geschützten Tierarten gehören?

Einerseits finde ich das gut. Nur so können wir sichergehen, dass wir die nächsten Jahrtausende überleben. Andererseits macht es mich sehr traurig, dass es erforderlich ist, uns auf eine Liste zu setzen, um unser Leben zu schützen. Frau Mantis lässt den Kopf nachdenklich hängen.

 

Frau Mantis, ich bedanke mich ganz herzlich für das Gespräch und wünsche Ihnen, dass sie bald den passenden Partner finden. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit diesem Interview zum besseren Verständnis für Gottesanbeterinnen beitragen.

War mir ein Vergnügen. Vor allem für meine NachfolgerInnen freut es mich, wenn die Menschen mehr Rücksicht auf uns nehmen. Ich hab ja nicht mehr viel davon. Mit einem gequälten Lächeln verabschiedet sich Frau Mantis. 

 

Es ist erst ein paar Jahre her, dass ich die erste Gottesanbeterin bei einem Foto-Spaziergang durch die Lobau gesehen habe. Seitdem bin ich immer auf der Suche nach den gut getarnten Fangschrecken. Ganz besonders freut es mich, dass sie sich in unserem Naturgarten wohl fühlen. Vor allem im Kiesgarten kann ich sie jedes Jahr beobachten.

Wenn du sie nicht gerade beim Fliegen / Landen siehst, ist es wirklich schwierig, eine Gottesanbeterin zu entdecken. Und das trotz der Größe von ca. 6 – 8 cm. Falls du die Gelegenheit hast, schau dir diese spannenden Tiere mit dem außerirdischen Blick von der Nähe an. Sie sind wirklich faszinierend und sie tun dir nichts. Und wenn du jemand kennst, der sich mit Gottesanbeterinnen nicht auskennt, darfst du dieses Interview gerne teilen.

Hast du schon eine Gottesanbeterin gesehen? Findest du sie genauso faszinierend wie ich?

 


naturfreundin

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10 Antworten

  1. autarksein
    | Antworten

    Danke für den tollen Text und das schöne Video! Ich habe einiges dazu gelernt. Ich liebe die die Natur auch so sehr!!! Bei dir werde ich öfter vorbeischauen, es gitb viel zu entdecken. (-;
    Liebe Grüße!

    • naturfreundin
      | Antworten

      Vielen Dank für dein schönes Feedback. Ich freu mich, dass du meine Liebe zur Natur teilst und natürlich auch darauf, dass du wieder vorbeischaust :-). Hab noch viele interessante Naturideen.
      Liebe Grüße, Andrea

  2. Oleg
    | Antworten

    Vielen Dank! Sehr Klasse und Toll!
    Grosse Gruss aus Russland Oleg

    • naturfreundin
      | Antworten

      Sehr gerne Oleg. Danke für dein Feedback. :-). Liebe Grüße nach Russland, Andrea

  3. Hella Jani
    | Antworten

    Ein ganz tolles Interview! Solche amüsanten, spannende Berichte liest man doch sehr gerne! So lernt man gern und einfach dazu! Vielen Dank und bitte um Nachschub 😊

    • naturfreundin
      | Antworten

      Danke, Hella Jani.

      Ich freue mich, wenn es mir gelingt, Natur auf amüsante Art zu präsentieren :-). Ideen für Nachschub habe ich noch viele.

      Liebe Grüße,
      Andrea

  4. Tolle Fotos! Ich habe selten so nebenbei und mit so viel Spaß etwas über die Natur gelernt. Vielen Dank dafür.
    Sabine

    • naturfreundin
      | Antworten

      Liebe Sabine, dein Kommentar freut mich besonders. Das genau ist meine Absicht – mit einem Lächeln zeigen, wie spannend unsere Natur ist :-). Dein Feedback zeigt mir, dass ich am richtigen Weg bin. Danke dafür, liebe Grüße, Andrea

  5. Sandra Liane Braun
    | Antworten

    Klasse! Da hat das Lesen Spaß gemacht 🙂
    Schöne Grüße von einer anderen Naturfreundin 🙂

    • naturfreundin
      | Antworten

      Danke liebe Sandra. Freut mich, wenn dir das Lesen Spaß gemacht hat. Auch ein sehr interessanter Naturaspekt, mit dem du dich beschäftigst :-).

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